Eine Arbeitskollegin hat mich auf diesen…naja Erguss aufmerksam gemacht: Vanilla Ice meint, dass die 90er Jahre das letzte Jahrzehnt gelebter Popkultur gewesen sein sollen. Soll er ruhig meinen. Ich wüsste spontan auch nicht, was daran schlecht wäre. Meine Kollegin war aber eifrig dabei ihm beizupflichten. Nun gehe ich keinem feingeistigen Austausch aus dem Weg, denn warum einfach, wenn es auch Spaß machen kann?
Mich trifft das als Bumerang, da ich vor einigen Jahren (ca. 2015?) bereits eine Diskussion hatte, die einen langen Abend samt vielen Bieren in Anspruch genommen hatte. Damals war die These, dass die 00er Jahre kein Alleinstellungsmerkmal hervorgebracht hätten. Keine Assoziation wie Schulterpolster und 80er. Ich sagte es damals und ich sage es wieder: Veto!
it was the last decade where fashion and music played off each other, and people created „cool“ stuff that’s still trendy to this day
Vanilla Ice
Aber schauen wir uns das ganze doch einmal in Ruhe an. Die These soll frei übersetzt lauten:
„Die 90er waren das letzte Jahrzehnt popkultureller Ergötzung.“
Eine steile These von einem steilen Typ. Sowohl Vanilla als auch mein Kumpel. Nur bin ich einfach nicht ihrer Meinung. Wobei man das vielleicht auch zwiespältig betrachten kann. Doch der Reihe nach.
Die logische Schlussfolgerung aus die „90er waren das letzte Jahrzehnt mit X“ ist „die 00er waren das erste Jahrzehnt ohne X“. Das entspricht zwar nicht exakt der oben genannten Aussage über die 00er Jahre, aber ich sehe eine deutliche Überlappung. Daher seien diese zwei Aussagen hier gleichbedeutend.
Ein Jahrzehnt? Eine Ära? Eine Epoche?
Ich finde die Einteilung von Kurzepochen in Jahrzehnte albern. Es gibt in allen Zeiten ebenso viel Verbindendes wie Trennendes. Trends kommen und gehen, egal ob wir von Mode, Musik oder Filmen sprechen, nicht nach dem Kalender. Ich bestreite dabei nicht, dass es Jahrzehnte gibt, die als Ganzes greifbar sind/waren. Die 1950er starteten mit der neuen Staatsgründung der BRD und dem Wiederaufbau und enden mit dem Bau der Berliner Mauer. Die Beatles gab es genau von 1960 bis 1970. Es gibt unzweifelhaft eine Form kollektiver Wahrnehmung und kollektiven Erwachens. Das Waldsterben, das technologische Zeitalter, Wohlstand für alle, der Klimawandel. Das sind Themen, die eine ganze Generation beschäftigen.
Aber ebenso gibt es Ereignisse die nicht brav in das Jahrzehnt passen. Die Friedensbewegung um den Vietnamkrieg prägten die 1960er Jahre. Der Krieg begann 1965. Es sind Zäsuren, die die Welt in ein davor und ein danach, ein ante und ein post teilen. Jesu Geburt, die Anti-Baby-Pille, Hiroshima, geschnitten Brot, 911, Fyre Festival…es gibt einfach so viele Ereignisse, die die Welt für immer verändert haben. Manche sehr schön bei Stefan Zweig nachzulesen.
Man mag es Wortklauberei nennen, aber ich wollte es einfach einmal los werden. Im Alltagsgebrauch gibt es die 80er und 90er. Sonst hätte Jörg Pilawa auch keine Sendung dazu machen können. Letzten Endes spielt es nämlich keine Rolle ob ich von den 1960ern spreche und damit 1960-1969 meine oder ob ich von Flower-Power, Disco oder New-Economie spreche. Und damit zurück zu Vanilla Ice:
Wie waren die 90er?
Zunächst waren die early 90s einfach die auslaufenden 80er. Durch die Wiedervereinigung und den zweiten Golfkrieg dominierten politische Themen die ersten Jahre. Typische 90er Trends kamen erst später. Oasis erstes Album ist von 1994, im selben Jahr, in dem Kurt Cobain sich das Leben nahm. Die Boyband Mania nahm ab 1996 Fahrt auf und gipfelte 1997/1998 mit Megaerfolgen der Backstreet Boys und der Gründung *NSYNCs im Jahr 2000. Gefühlt 90er war auch der Durchbruch amerikanischen HipHops, allen voran Eminems. Wie *NSYNC betrat er die Weltbühne aber auch erst im neuen Jahrtausend. Die Vorarbeitet leisteten 90er Rapper, allen voran The Notorious BIG und Tupac. Nachdem deren Fehde mit dem Tod beider 1996 (Tupac) bzw. 1997 (BIG) eskalierte war der neue harte HipHop bereits auf der großen Bühne angekommen.
Ein Jahrzehnt als Ära zu proklamieren und dann zu sagen die erste Hälfte war Grunge, die zweite Hälfte war HipHop und beide Hälften hatten nichts miteinander zu tun, fühlt sich nicht stimmig an. Ich bleibe bei meinem oben genannten Punkt. Manchmal passt es, manchmal nicht. Eine zufällige Einteilung. Das was wir als 90er bezeichnen ist popkulturell eher als 1994 bis zu den Anschlägen im World Trade Center 2001
Vielleicht ist das aber auch Haarspalterei.
Woran denken wir bei den 90ern?
Bei Tattoos waren Tribals groß am Start. Bei Männern gerne auf Schulter und Oberarm, bei Frauen über dem Hintern als Arschgeweihen. Der polynesische Hintergund ist dabei sicher weniger bedeutend als George Clooney in From Dusk till Dawn. Überhaupt Tarantino. Jeder seiner 90er Filme wird zum Kult, egal ob Reservoir Dogs (1992), Pulp Fiction (1994), Four Rooms (1995) oder Jackie Brown (1997). Im restlichen Kino laufen Blockbuster wie Men in Black (1997) und Independance Day (1996).
Modisch wandelt sich der Stil Cobains zum allgemeinen Skaterstil. Mädels tragen eher Girlie Outfits und dazu das ganze neonfarbene Zeug der Technoszene, die sich im wiedervereinigten Berlin ausleben. Aus Amerika kommen außerdem Baggypants dazu, die in den jungen 00er Jahren dem HipHop Boom den Weg ebnen oder eben durch ihn ankommen.
Außerdem haben alle geraucht. Auch drinnen. Der Zigarettenabsatz in der BRD war zwischen 1991 und 2000 so groß wie nie davor oder danach (hat aber auch mit der DDR zu tun).
Ok, und was heißt Popkultur?
Was heißt Popkultur? Pop kommt irgendwie von populär was wiederum von Populus kommt. Populus ist Latein für Volk. Popkultur heißt streng genommen also nur so viel, wie mehrheitsfähige Kultur. Kultur selbst zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie zeitlos ist. Laut dem Oxford Dicctionary bezeichnet Kultur die „Gesamtheit der geistigen und künstlerischen […] Leistungen […] als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung.“ Als zeitliche Einschränkung dient höchstens eine Epoche, sicher aber nicht fünf Jahre. Kultur prägt mehr als ein Leben. Kultur und Popkultur sind kein Paar. Sie haben nicht wirklich etwas gemeinsam.
Wolltest du nicht irgendwie zeigen, dass es die 2000er gab? Stattdessen willst du die 90er löschen lassen…
Ok, das klingt alles ein bisschen oberlehrerhaft. Zurück zu den schönen Dingen. Popkultur ist, wenn alle es machen. Wenn alle es machen, dann ist es ein logistisches Problem. Wie bekomme ich tausende neuer Hosen in die Geschäfte und eine gigatonne Haarspray zum Friseur, etc. Neue Trends sind ja nicht einfach da. Exklusivität ist der Feind. In den 1950ern wurde Kleidung aus Nylon und Polyester immens populär. Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass durch die Koreakrise 1953 die Baumwollpreise in die Höhe geschossen sind?
Wirtschaft als Trend
Natürlich nicht. Popkultur ist ein marktwirtschaftliches Phänomen. Ich war zugegebener Maßen damals (ca.2015) stolz darauf diesen Gedankengang irgendwie allein entworfen zu haben. Vielleicht war ich deshalb auch so auf die Diskussion aus. Egal, der Punkt gehört nämlich nicht mir. Denn ich habe gelernt, dass sich ein ganzer Schwung zeitgenössischer Denker in einer ähnlichen aber viel tiefschürfenderen Weise mit dem Phänomen auseinandergesetzt haben. Sie heißen Frankfurter Schule und in meinem konkreten Ansatz zuerst Theodor W. Adorno. Die gängige Bezeichnung ist kritische Theorie. Die Frankfurter Schule setzt sich mit den Sozialwissenschaften auseinander und wirft diesen vor den Ist-Zustand unserer Gesellschaft als gegeben hinzunehmen. Gesellschaftliche Mechanismen orientieren sich vielleicht an Traditionen oder eben Trends, aber sie ignorieren die Frage nach einem möglichen und besseren Zustand. Als solches proklamiert Adorno diese Mechanismen als Werkzeuge der Unterdrückung des Individuums. Hier reicht es, wenn wir die Ausage verkürzen zu: Trends und Popkultur stehen wirklicher Freiheit und Individualismus entgegen.
Wow, wenn das nicht oberlehrerhaft klingen sollte, hast du das nicht so richtig hinbekommen.
Ok, dann nochmal in einfach und ohne Adorno: Es gibt einen Ansatz alle (popkulturellen) Phänomene mit rein ökonomischen Mitteln zu erklären. Aus dem 1976 Film All the presidents men wurde ein Satz zum geflügelten Wort:
Follow the money…
Deep throat (in „all the presidents men“ von 1976)
Das gilt nicht nur bei Verbrechen, sondern erschreckend häufig, wenn es um die Wahrheit geht. Die Autoren Stephen Levitt und Stephen Dubner haben in ihrem Buch Freakonomics dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Sie beleuchten Alltagsphänomene von Kindernamen bis zu Notenprämien und schauen wie sich ein finanzieller Anreiz darauf ausgewirkt hat. In meinen Augen überzeugt nicht jedes Beispiel gleichermaßen, aber das ganze hat einen gewissen Charme. Vor allem zeigen Levitt und Dubner, dass man praktisch alles unter ökonomischen Gesichtspunkten erklären kann. Popkultur und Trends wirken häufig so, als würde sich eine Generation selbst finden. Eine Bewegung aus dem Inneren. Ob das überhaupt stimmt sei mal dahingestellt, für den Moment wichtig ist folgendes: Der Club ist nicht umsonst. Neue Hose, neue Sonnenbrille, Schallpaltten, CDs, Neflix&Chill. Alles kostet Geld.
Wenn ich mich nun einem Trend anschließen möchte, bzw. das Bedürfnis habe mir eine neue Sonnenbrille zu kaufen, dann kann ich diese Kosten ja beziffern (zumindest im Nacchhinein). Von außen können wir also in € beziffern, was das komplette Umstyling kostet. Schwieriger wird es mit dem, was ich dafr erhalte. Mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder eine steigende Chance bei der Partnerwahl lassen sich nicht mit einem Preisschild auskleiden. Oder doch?
In manchen Situationen muss jemand Dingen einen Wert zusprechen, die keinen solchen zu haben scheinen. Eine Versicherung muss bestimmen, was ein Leben oder JLos Hintern wert ist. Wenn ich solche Werte habe, kann ich sie meinen Kosten gegenüberstellen und erhalte ein Kalkül. Ein Trend rein ökonomisch erklärt.
Zurück zu Freakonomics. Es gibt ein ähnlich gelagertes Modell zum Fluchtverhalten in Krisengebieten, bzw. zu Migration allgemein (Push-Pull siehe hier oder vereinfacht hier). Menschen können ihre Vermögenswerte zusammen zählen und die Kosten für die Flucht inkl. Informationen zuaddieren und wissen dann, was es sie kostet z.B. nach Europa aufzubrechen. WICHTIG: Ich behaupte nicht, dass irgendjemand derart rational an eine solche Entscheidung rangeht. Ich folge aber dem Gedanken, dass wir viele Entscheidungen so verstehen können. Wenn in Kriegsgebieten Eigentum praktisch nicht mehr existiert, dann lässt man nichts zurück. Bleibt die Flucht selbst. Diese hing früher mit vielen Ungewissheiten (jaja, heute auch noch) zusammen. Für mich ist aber vor allem ein Punkt von Interesse: Während der halben Menschheitsgeschichte war Information eine teure Ressource. Seit dem Internet ist das anders.
The Age of Technologie
Und an dieser Stelle betreten wir das Jahr 2000, beziehungsweise das Jahrzehnt der 00er Jahre. Wenn wir die Trends der 70er, 80er und 90er massiv durch technischen Fortschritt und mit ökonomischen Modellen erklären können, so auch hier. Zunächst schwächt das Internet als zunehmend verfügbare und immer weiter kostenfreie Informationsquelle den Begriff Pop. Ich brauche nicht mehr einem Trend hinterherlaufen, weil ich eine starke Aufwertung des Individuums erfahren habe. Adorno jubelt dem Ergebnis zu, nicht dem Weg, denn gleichzeitig greifen die marktwirtschaftlichen Gesetze eben wieder.
Wenn es nicht mehr einträglich ist, alle gleich aussehen zu lassen, dann verdienen wir eben Geld damit alles zu individualisieren. Und genau das ist in den 00ern passiert: Jeder hatte personalisierte Klingeltöne auf dem Handy. Jeder hatte eine personalisierte Handyschale. CD-Brenner ermöglichten es Mixtapes besser und schneller herzustellen. Es gab ein erstes Hoch von Fun-Shirts mit flotten Sprüchen drauf. Alle haben so etwas getragen, aber halt nicht das gleiche. Vanilla Ice versuchte sich neu zu erfinden, indem er sich V-Ice taufte, ganz dem Zeitgeist folgend. Vermehrt finden intellektuellere Themen/Genres Eingang in den Mainstream. Amy Winehouse und Nora Jones sind enorm erfolgreich mit einer Musik die es schon länger nicht mehr in die Charts geschafft hatte. Sozialkritische Themen dominieren im deutschen HipHop und Rock. Ja gut, es wird auch das Jahrzehnt der Castingshows werden, aber auch hier stehen Voting und aktive Partizipation über blindem Mitlaufen.
Also alles gut?
Ich? im Trend?
Nein, ich hab noch einen Punkt auf der Seele. Ich glaube nämlich mittlerweile erkannt zu haben warum Trend für mich eine negativ Konnotation aufweist. Es hängt mit dem Alter zusammen.
Eine der Quintessenzen aus dem obigen Text ist, dass ein Trend (meistens) am Individuum vorbei läuft. Schnitte werden schmal oder weit, Farben knallig oder dezent. Musik wird wertend oder leer und Filme auch mal pädagogisch wertvoll.
So weit so gut. Nur kann ich als Individuum eben nicht jeden Schnitt oder jede Farbe tragen. Mein Geschmackskompass lässt nicht mehr alles zu, auch wenn ich mich bemühe offen zu bleiben (sorry Drake, ich finde deine Musik einfach nicht gut).
Ich muss ja auch nicht. Ich (man) lernte über die Jahre, dass es gewisse Dinge gibt, die zu mir passen oder die mir passen. Es gibt verschiedene und doch kategorisierbare Formen für Körper, Gesicht und Rücken. Diese Formen führen zu einem Wechselspiel mit Kleidung und Brillen und im besten Fall zu etwas wie Stil. Runde Gesichter passen am besten zu eckigen Brillen und umgekehrt. Leider richten sich Trends nicht nach individuellen Befindlichkeiten und so rennen jeden Sommer aufs Neue Massen an trendjagenden Menschen in, für sie einfach unvorteilhaften, Kleidern rum.
Wayfarerbrillen, Low-Waist-Jeans, Muskelshirts…es gibt Mode die ist nicht für jeden. Ich glaube ein Gutteil der „oh Gott wie wir aussahen“ kommt in Erinnerung an Trends, welche wir entgegen unserer Körper mitgemacht haben.
Ich muss nicht mehr jedem Trend hinterherrennen, auch wenn es manchmal trotzdem Spaß macht am Puls der Zeit zu bleiben. Ich glaube fest daran, dass jede Generation im Rückblick ein paar zentrale Themen als verbindene Glieder aufweisen kann, aber ich glaube eben auch, dass das nicht eine so tolle Errungenschaft ist wie Mr.Ice das anspricht.
Ich glaube auch, dass man heute viel mehr Individuum sein kann als früher. Das gilt vor allem für Menschen die früher als Randgruppen zusammengefasst wurden und heute eine eigene Sichtbarkeit besitzen. Das Stichwort Diversität ist schwierig aber gehört hier hin und ist mehr als ein Trend.
Als solches haben auch die 2010er einen eigenen und einzigartigen Drive gehabt. Die Selbstdarstellung die durch SocialMedia möglich wurde ist ein Alleinstellungsmerkmal vor dem Herrn. in der aktuellen Dekade versuchen wir ja schon von diesem Trend wegzukommen und SocialMedia Pausen einzulegen. Auch wer nicht postet existiert noch.
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